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Eine neue Website der KUNSTKANZLEI.




64+1 ::………:: Henning Brandis zum 03.01.2009



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www.hbab09.de



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Barack Obama :::±::: Henning Brandis’ Antizipation



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Henning Brandis: »Yes. We. Can!«. Objekt. Papierstreifen, Zeitungsausschnitt, Tesafilm und Bleistiftschrift auf
weiß beschichteter Hartfaserplatte. Größe 294 x 157 x 19 mm. Signiert mit Widmung »Für Abèl 17 Jul 200
7«.





JOSEPH BEUYS wieder in Berlin


20 Jahre nach der letzten umfangreichen Ausstellung in Deutschland, zu einem Zeitpunkt an dem die Sinnkrise der zeitgenössischen Kunst eine immer größere Resonanz erlangt zeigt der Hamburger Bahnhof eine umfassende Analyse Beuys’ programmatischer Behauptung »Die Revolution sind wir«. Die Ausstellung untersucht mit rund 270 Werken in 15 Kapiteln, aufgeteilt auf ca. 5.000qm Ausstellungsfläche die utopische Dimension des Gesamtwerks von Joseph Beuys. Im Zentrum steht die seinem Erweiterten Kunstbegriff zugrunde liegende Vorstellung, einer Revolution aller gesellschaftlichen Verhältnisse.

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KONZEPT [DER AUSSTELLUNG]

In jüngster Zeit ist international besonders in der jüngeren Generation von Künstlern und Kunsthistorikern, ein auffallend großes Interesse an dem Werk und der Gestalt von Joseph Beuys zu verzeichnen. Auch verschiedene Themen- und Dialogausstellungen wie zum Beispiel »all in the present must be transformed«. Matthew Barney and Joseph Beuys im Deutsche Guggenheim Berlin/New York oder Mythos. Joseph Beuys, Matthew Barney, Douglas Gordon, Cy Twombly im Kunsthaus Bregenz haben in der letzten Zeit versucht, Beuys mit der Gegenwart zu konfrontieren.

Die Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof nimmt diese anwachsende Hinwendung zum Anlass, einem der größten deutschen Künstler der Nachkriegszeit erstmals eine umfassende Ausstellung zu widmen. Die Ausstellung »BEUYS. Die Revolution sind wir« wird vom 3. Oktober 2008 bis 25. Januar 2009 im Hamburger Bahnhof, Museum für Gegenwart – Berlin gezeigt und stellt einen Höhepunkt der in mehreren Häusern der Staatlichen Museen zu Berlin stattfindenden Ausstellungsfolge zum Kult des Künstlers dar.

Das im 20. Jahrhundert einmalige Phänomen einer von der Kunst her gedachten Umgestaltung aller gesellschaftlichen Verhältnisse wird in der Ausstellung nach seinen historischen, philosophischen, theologischen, politischen, wissenschaftlichen und künstlerischen Wurzeln befragt. Erstmals wird der gesamte Kontext anhand von Dokumenten, Schriften, Filmen und Fotografien erläutert. Die Ausstellung verteilt sich über einer Fläche von rund 5.000qm im Hauptgebäude des Hamburger Bahnhofs. Sie stellt eine einzigartige Gelegenheit dar, die kapitalen Beuys-Werke der Sammlung Marx sowie die Fülle der audiovisuellen Materialien aus dem Bestand des Joseph Beuys-Medien-Archivs in vitaler, dialogischer Gegenüberstellung mit selten geliehenen Werken aus ganz Europa zu zeigen.

Über die wichtige Fortsetzung der internationalen Auseinandersetzung mit dem künstlerischen Erbe eines der einflussreichsten und kontroversesten Künstlers des 20. Jahrhunderts hinaus, schafft die Retrospektive BEUYS. Die Revolution sind wir ein lebendiges, energiegeladenes Umfeld, in dem Museumsbesucher die Möglichkeit haben, das Universum Beuys zu untersuchen und unmittelbar zu erfahren. Hier wird keine Hagiographie erzählt: Weder monumental, noch sakral in ihrem Ansatz, setzt die geplante Präsentation vielmehr auf das offene Werk und vor allem auf Beuys selbst: als Künstler, als Denker, als Mensch. Denn die ikonische Bedeutung von Beuys beruht ebenso sehr auf das, was der Künstler verkörperte, auf das, was er war und ist, was er sagte und tat, als auf die Objekte, die er geschaffen hat.

20 Jahre nach der letzten umfassenden Ausstellung in Deutschland, der große Ausstellungen in Zürich, Paris und London gefolgt sind, zu einem Zeitpunkt an dem die Sinnkrise der zeitgenössischen Kunst eine immer größere Resonanz erlangt, erscheint eine umfassende Analyse Beuys’ programmatischer Behauptung »Die Revolution sind wir« vor dem Hintergrund seines künstlerischen, sozialen, philosophischen, politischen, ökologischen Engagements zeitgemäß, brisant, wenn nicht geradezu wegweisend.

Die Ausstellung zeigt in 16 Kapiteln alle diese für einen Künstler ungewöhnlichen Arbeitsgebiete, seine Auseinandersetzung mit den Begriffen Arbeit, Denken, Plastik, Demokratie, Pädagogik, Wirtschaft, Geld, Recht, Christentum. Darüber hinaus werden alle Formen seiner reichen Kunstproduktion von der Zeichnung, Skulptur, Objekt, Environment, Film bis zur Spracharbeit ausgebreitet, die sich immer wieder auf seine Grundgedanken einer revolutionären Veränderung der Gesellschaft beziehen. Noch einmal kehrt der einst so bekannte und in den Medien dauernd präsente Mann mit dem Hut, mit seiner signifikanten Kleidung, aber auch einprägsamen Sprache, mit seinen enigmatischen Aktionen in den Raum zurück. Seine populären, dennoch spektakulären Großprojekte, wie die »Honigpumpe am Arbeitsplatz« das Pflanzen von 7.000 Eichen als ein sozial-ökologisches Kunstwerk werden vorgestellt. Der Mitbegründer der Partei Die Grünen und Freund von Andy Warhol, Heinrich Böll, Rudi Dutschke, Marcel Broodthaers und vielen anderen Zeitgenossen, der große Reformer Joseph Beuys wird nach dem Wert seiner Ideen für unsere heutige Gesellschaft befragt. In zahlreichen Filmdokumenten spricht er selbst zum Publikum oder tritt stumm als Aktionist auf, in Hunderten Zeichnungen ist seine Beziehung zu allen Dingen des Lebens ausgebreitet. Das Publikum sieht sich nicht nur einem universalistischen Werk gegenüber, sondern einem Kosmos, der tief in der Geistesgeschichte Europas verankert ist. (Quelle: Hamburger Bahnhof · Museum für Gegenwart · Berlin).



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Mauricio Kagel gestorben


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Der deutsch-argentinische Komponist Mauricio Kagel ist im Alter von 76 Jahren in Köln gestorben. Das teilte der C.F. Peters Musikverlag in Frankfurt mit. Kagel war bereits seit längerem krank. Kagel galt als einer der bedeutendsten zeitgenössischen und zugleich produktivsten Komponisten, der mit vielfältigen Ausdrucksformen experimentiert hat. International war er als Dirigent und Performancekünstler sowie als Film- und Hörspielautor bekannt.

Kagel wurde 1931 in Buenos Aires geboren und wuchs in Südamerika auf. Bereits Mitte der 50er Jahre machte sich Kagel als hoch begabter Komponist in seiner Heimat einen Namen. In seinem Frühwerk beschäftigte er sich insbesondere mit der Musik des österreichischen Komponisten Arnold Schönberg. 1955 wurde er Studienleiter an der Kammeroper und Dirigent am Teatro Colón in Buenos Aires.

1957 kam Kagel als Stipendiat des Deutschen Akademischen Austauschdienstes nach Köln, das damals als Hochburg der Musikavantgarde galt. Er arbeitete an den Studios für elektronische Musik des Westdeutschen Rundfunks Köln und leitete bis 1961 das Rheinische Kammerorchester. 1975 erhielt er eine Professur für Neues Musiktheater an der Kölner Musikhochschule.

Kagels Name ist nach Angaben des Verlages vor allem mit dem Musiktheater verbunden, auf das er einen tiefgreifenden Einfluss gehabt habe. Er schuf nicht nur Bühnen-, Orchester- und Kammermusikwerke, sondern auch Filme, Hörspiele und Essays. Die Arbeit Kagels wurde mit zahlreichen Preisen gewürdigt. Er erhielt unter anderem den Erasmus-Preis (1998), den Ernst von Siemens Musikpreis 2000 und den Großen Rheinischen Kunstpreis (2002).


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Eigens für Mauricio Kagels Film »Ludwig van« schuf Joseph Beuys im Oktober 1969 die dreiteilige Arbeit »Beethovens Küche«.



Website Eileen Farrell

Für und über die Jahrhundertsängerin EILEEN FARRELL (1920–2002) wurde von der KUNSTKANZLEI mit der Einrichtung einer eigenen Website begonnen –: www.eileenfarrell.com





Nobelpreisträger Alexander Solschenizyn gestorben


Der russische Literaturnobelpreisträger Alexander Solschenizyn ist am Montag im Alter von 89 Jahren in Moskau gestorben. Er starb nach Angaben der russischen Agentur Interfax an den Folgen eines Hirnschlags.

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Der russische Präsident Dmitri Medwedew sprach der Familie des weltweit geschätzten Autors sein Beileid aus. Der Schriftsteller und Historiker hatte sich seit Monaten nicht mehr in der Öffentlichkeit sehen lassen. Er starb den unbestätigten Angaben zufolge an den Folgen eines Hirnschlags. Der Nobelpreisträger von 1970 galt seit Monaten als geschwächt.

Als Solschenizyns Hauptwerk gilt der »Archipel Gulag«, in dem er mit Tausenden von Beispielen den stalinistischen Terror in der Sowjetunion darstellt. Den Terror hatte Solschenizyn in neun Jahren Straflager und Verbannung selbst zu spüren bekommen und bereits 1962 in seinem ersten Werk »Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch« geschildert. Als ihm 1970 der Nobelpreis verliehen wurde, verweigerte ihm das Sowjet-Regime aber die Ausreise zur Preisübergabe. Nach der Veröffentlichung des »Archipel Gulag« wurde Solschenizyn verhaftet und ausgewiesen. Zunächst nahm ihn Heinrich Böll in Köln auf.

Solschenizyn siedelte schließlich in die USA über und kehrte 1994 nach Russland zurück. Dort kritisierte er fehlgeleitete Reformen und den Mangel an Demokratie unter dem damaligen Präsidenten Boris Jelzin. Als Mahner für ein Russland auf der Grundlage von Gemeinsinn und orthodoxem Glauben fand Solschenizyn aber immer weniger Gehör. Wiederholt forderte Solschenizyn, Russland dürfe die westliche Demokratie »nicht ohne Verstand nachäffen«, sondern müsse sich mehr um das »moralische Wohlergehen« des eigenen Volkes kümmern.

Bei der Verleihung des Staatspreises, der höchsten Auszeichnung Russlands, im Juni 2007 war der frühere Regimekritiker schwer vom Alter gezeichnet. Seine Dankesrede ließ er im Kreml über eine Videobotschaft einspielen. Später zeigte das Staatsfernsehen, wie der damalige Präsident Wladimir Putin den im Rollstuhl sitzenden Solschenizyn in seinem Haus und Arbeitszimmer besuchte. Zu Sowjetzeiten hatte der Schriftsteller eine Ehrung durch das System stets abgelehnt – auch den Staatspreis.

Als er die Auszeichnung für humanitäre Verdienste annahm, beschwor der Autor im vergangenen Jahr die geistige Einheit seines Landes. Nur so seien die bitteren Erfahrungen vergangener Jahre zu überwinden und neue unheilvolle Schicksalsschläge abzuwenden. Weil der Autor selbst sichtlich geschwächt war, nahm seine Frau Natalja die mit fünf Millionen Rubel dotierte (144000 Euro) Auszeichnung von Putin entgegen. »Bis an mein Lebensende hoffe ich, dass meine historischen Arbeiten ins Bewusstsein und in die Erinnerung der Menschen übergehen«, sagte Solschenizyn im Sommer 2006.

»Die Auszeichnung gibt Hoffnung, dass unser Land die Lehren aus seiner Selbstzerstörung im 20. Jahrhundert gezogen hat und diese Geschichte sich nicht wiederholt«, sagte Solschenizyns Frau anlässlich der Übergabe. Über die Politik Putins, der inzwischen Regierungschef ist, und das Erstarken der russisch-orthodoxen Kirche in seinem Land hatte sich der konservative Historiker Solschenizyn in den vergangenen Jahren immer wieder positiv geäußert. Er unterstützte auch die umstrittene Tschetschenienpolitik seines Landes.

In der Einspielung am russischen Nationalfeiertag war der hagere Schriftsteller in einem grauen Anzug und weißem Hemd mit Krawatte zu sehen, im Hintergrund ein großes Bücherregal.

Solschenizyn ist seit seinen letzten Schriften zur Geschichte des Judentums in Russland und der früheren Sowjetunion umstritten, weil er russischen Juden auf Grundlage dürftiger Quellen eine Mitschuld an der kommunistischen Diktatur gegeben hatte. Stalin selbst hatte bei »Säuberungsaktionen« in den 1930er Jahren viele Juden töten lassen. Auch während seines Exils in den USA hatten Kritiker Solschenizyn eine antisemitische Haltung vorgeworfen.

Der Präsident der Akademie der Wissenschaften Russlands, Juri Ossipow, hatte Solschenizyn jedoch im vergangenen Jahr als einen der »größten Historiker und Philologen« des 20. Jahrhunderts gewürdigt. Besonders verdienstvoll sei Solschenizyns Bibliothek über die Exil- Russen. Die Stiftung »Russisches Ausland« in Moskau beherbergt in ihrem Gebäude mehr als 50.000 Bände über die Emigration von Russen seit 1917. In seiner Heimat entsteht im Moskauer Verlag Wremja bis 2010 die erste Gesamtausgabe seiner Werke in 30 Bände.





Gesine Hindemith & Paul Harry Pottseravotti


In der heutigen Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und in deren FAZ-NET versucht Gesine Hindemith* mit ihrem Artikel »Du hast nur eine Chance, Baby, nutze sie. Die Stimme in der Yukkapalme: Wie Legendenbildung funktioniert, lässt sich am Fall des Engländers Paul Potts studieren, der in einer Talentshow entdeckt wurde und nun als Werbemittel und Opernsänger Karriere macht« dem angeblichen »Außenseiterphänomen« Paul Potts auf die Spur zu kommen. Aber sie gerät nur auf lauter Holzwege.


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Ob Gesine Hindemith mit dem großen deutschen Komponisten, Bratschisten und Dirigenten Paul Hindemith (1895–1963) verwandt ist, entzieht sich unserer und Google’s Kenntnis. Wenn ja, wär’s in diesem Zusammenhang eine aparte Fußnote.

Von Gesang resp. Operngesang hat sie jedenfalls keinerlei Kenntnisse. Die sind ja für eine Literatur- oder Medienwissenschaftlerin »in diesen finstren Zeiten« offensichtlich verzichtbar.

Aber ohne Kenntnis dieser zentralen thematischen Substanz gerät sie schnurstracks auf den ersten Holzweg. Zum Gesang Paul Potts stellt Frau Hindemith fest: »Er hat durch sein Können überzeugt, denn singen kann er wirklich.« Ja, wirklich –: schlecht, beansprucht er, Sänger zu sein! (Siehe Beitrag v. 23.07.08 auf dieser Seite.)

»Als Gänsehautstimme mit emotionalem Tiefgang« sei »er seit zwei Wochen in aller Ohr« : dies ist eine derart unkritische Behauptung, dass man sich fragen muss, was Frau Hindemith eigentlich unter »Medienkritik« versteht. Aber es geht intellektuell noch schlichter: »… als Mann, der beim besten Willen keinen Schönheitswettbewerb gewinnen würde, in aller Auge und spätestens seit dem Start der neuen Telekom-Kampagne ›Erleben, was verbindet‹ redet auch alle Welt über ihn. Paul Potts, dessen Karriere im Licht der telekommunikativen Öffentlichkeit mit dem ersten Platz bei einem britischen Talentwettbewerb im Sommer 2007 begann, ist das mediale Phänomen par excellence.«

Nächster Irrtum: Paul Potts ist keineswegs »das mediale Phänomen par excellence«, sondern vielmehr eine medial generierte Projektion.

»Mit dem Telekom-Spot rückte der zuvor in Deutschland kaum beachtete Potts ins Scheinwerferlicht der Medienmaschinerie, und seine Single »Nessun dorma« mit der berühmten Arie aus Puccinis Oper »Turandot« hält sich nach zwei Wochen immer noch auf Platz vier der deutschen Single-Charts. Bisher nur als Download verfügbar, wird sie vom 15. August an auch als CD verkauft.« Blanker Unsinn, denn die Telekom hat sich ja nur der bereits existierenden Rezeption bedient und lediglich einen Zacken schärfer instrumentalisiert. Eine banale Win-win-Strategie – von der eine Medienwissenschaftlerin bereits in einem Pro-Seminar etwas gehört haben müsste.

»Am selben Tag soll Potts beim Saisonstart der Bundesliga in der Allianz-Arena zu München für Gänsehautwallungen sorgen.« Mit oder ohne Klinsmann-Buddha?

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Ihre Recherche zur Person Paul Pott ist eine schwache Web-Collage längst verbreiteter Informationen. Es ist mehr als naiv zu glauben, dass Paul Potts Homepage »von Sony BMG gesponsert wird«. Es sei denn, dass eine heutige Medienwissenschaftlerin die vollständige Kontrolle über Konzeption, Herstellung und Redaktion einer Homepage als »Sponsoring« versteht …

»Tatsächlich versteht es Potts, stimmlich eine tiefe Emotionalität zu transportieren.« Bei Menschen, die über ein gedächtnisgestütztes Hörvermögen verfügen, besteht die emotionale Reaktion darin, dass man tiefes Mitleid mit dem Vortragenden hat, der so jämmerlich an dieser Arie scheitert.

Als erfahrener Dramaturg muss ich Frau Hindemith attestieren, dass sie auch von Dramaturgie nicht die geringste Ahnung zu haben scheint, wenn sie der Meinung ist: »Der Auftritt kommt einem dramaturgischen Meisterwerk nahe: Der schüchterne Potts betritt die Bühne in einem billigen Anzug (der Legende nach hat er fünfundzwanzig Pfund gekostet), misstrauisch beäugt von den kritischen Mitgliedern der Jury – darunter der stark an Dieter Bohlen erinnernde Simon Cowell –, die schon belustigt die Gesichter verziehen, und sagt: ›Ich will Oper singen.‹ Dann legt er mit der Arie des unbekannten Prinzen Kalaf aus ›Turandot‹ los und entfacht mit seinem ›Nessun dorma‹ ein Gefühlsfeuerwerk, dem sich auch die Jury nicht entziehen kann.« Ein dramaturgisches Meisterwerk? Noch nicht einmal der alte Theaterdirektor Striese hätte so etwas zugelassen. Es gab einen dramaturgischen Akzent bei diesem Auftritt, den Frau Hindemith aber mangels musikalischer Bildung nicht mitbekommen hat -: Potts sang nur eine stark verkürzte Fassung der Arie, die es ihm ermöglichte, den größten gesanglichen Schwierigkeiten erst einmal aus dem Weg gehen zu können.

Zur Tekom-Werbung gelingt Frau Hindemith eine tiefe intellektuelle Einsicht: »Nun transportiert Werbung natürlich Wunschvorstellungen …«. Ach!

Und die angebliche »professionelle Gesangsausbildung in Italien […] an Opernschulen bei Vilma Vernocchi und Katia Ricciarelli« kolportiert Frau Hindemith ungeprüft weiter. Vielleicht hätte sie mal in der größten deutschen Feuilleton-Redaktion nachfragen sollen, mit welchen Methoden dort Leuten wie Potts reihenweise viel Geld aus der Tasche gezogen wird.

Zum Schluss entdeckt Frau Hindemith noch ihre journalistischen Super-Illu-Qualitäten –: »Stimmlich muss er zwar noch ein bisschen arbeiten, für seine Fans ist Potts jedoch bereits ein Opernstar.«

Das skandalöse an diesem Artikel ist nicht seine miserable Qualität aufgrund vielfach mangelnder Kompetenz, sondern die Tatsache, dass die Feuilleton-Redaktion der Frankfurter Allgemeine Zeitung ihn veröffentlicht hat.

Und dann muss sich niemand mehr wundern, wenn sich das Niveau der Leser gleichsam ins Nichts bewegt:

Von einem F.A.Z.-Leser namens Holger Kästner findet sich im FAZ.NET folgende – irrwitzige – Hinterlassenschaft:

»Dieser Beitrag ist symptomatisch für deutsches Denken, angefüllt mit Neid und Missgunst. Die Beiträge auf der Website von Herrn Potts sind in der Tat auf das gewünschte Image des Künstlers zugeschnitten, dieses ist aber nicht nut bei Paul Potts der Fall, sonder bei allen (!) Künstlern jeglicher Richtung. Die Geschichte von Paul Potts ist sehr detailliert nachzulesen und das in verschiedenen Quellen. Viele Details dieser Jahre hätten in den Artikel gehört, sie wurde aber vorsichtshalber unterschlagen, da dieses in das von der Autorin, aus welchen Gründen auch immer, gezeichnete Bild des Menschen Potts wohl nicht passte. Herrn Potts ist nicht Pavarotti, aber seine Vorträge schaffen es Emotionen in Menschen zu wecken und wenn durch die Videos bei YouTube oder auch der Spot der Telekom es erreicht wird, dass sich Menschen der Oper zu wenden, die dieses ansonsten nicht getan hätten, ist viel erreicht. Also Frau Hindemith, lassen Sie doch bitte die hässlichen deutschen Eigenschaften zu Hause und bringen Sie nicht in die FAZ.«



*Von der Philipps-Universität Marburg erhielt Gesine Hindemith 2006 ein Promotionsstipendiat für ihre Dissertation »Die neue Dimension des Akustischen im cinéma moderne«, die sich jetzt im Verzeichnis der Ludwig-Maximilian-Universität München – Promotionsstudiengang Literaturwissenschaft 05/2008 – unter dem Titel »Gesine Hindemith: Die neue Dimension des Akustischen im cinéma moderne. Godard, Resnais, Duras« wiederfindet. Als Übersetzerin hat sie Jean-Louis Leutrat’s Buch »Verzweigte Bilder. Kaleidoscope. Analyse de films, Band 6« übersetzt. Für die F.A.Z. schreibt sie über Medien, Medizin, Reiseliteratur etc.




Jazz-Saxophonist Johnny Griffin gestorben


Johnny Griffin, der als »Little Giant« und »Fastest Gun in the West« gefeiert wurde, ist im Alter von 80 Jahren in seinem Haus bei Limoges in Westfrankreich gestorben.



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Der Musiker sei in seinem Anwesen in einem Dorf bei Limoges im Westen Frankreichs gestorben, berichteten französische Medien unter Berufung auf Griffins Agentur am Freitag. Er hatte noch am selben Abend gemeinsam mit amerikanischen und französischen Musikern ein Konzert geben wollen. Der Saxophonist hatte sich vor 18 Jahren in Frankreich niedergelassen.

Man feierte ihn als »Little Giant« und »Fastest Gun in the West«. Doch derlei Lob hat der „schnellste Tenorsaxofonist der westlichen Welt“ zurückgewiesen. Wirkliche Giganten waren für Johnny Griffin immer die anderen, Kollegen wie der Gitarrist T-Bone Walker, die Sängerin Ella Fitzgerald oder der Pianist Thelonious Monk, mit denen er lange gespielt hatte. Natürlich war er schnell, aber darauf kam es ihm gar nicht an. »Nicht die Schnelligkeit ist das Geheimnis, sondern die Intensität«, lautete sein Credo.

Griffin wuchs an der South Side von Chicago auf und kam Anfang der vierziger Jahre an seiner Highschool ins Schulorchester des legendären Musiklehrers Captain Walter Dyett, zu dessen Schülern auch Nat ›King‹ Cole, Dinah Washington und der Saxofonist Gene Ammons gehörten, Griffins erstes Vorbild. Mit 16 Jahren spielte er mit Blues-Größen wie Memphis Slim und Muddy Waters. Mit 18, drei Tage nach seinem Highschool-Abschluss, wurde der Frühbegabte von Lionel Hampton in seine Bigband nach New York geholt.

»Ich mag es, schnell zu spielen«, hat Griffin einmal erzählt. »Ich werde dann immer aufgeregt und versuche, die Selbstkontrolle zu bewahren. Aber wenn die Rhythmus-Sektion anfängt zu brodeln, dann will ich explodieren.« Griffin spielt tatsächlich teuflisch schnell, federnd und leicht zurückgebeugt, mit geschlossenen Augen.

Später wurde sein Klang weicher und lyrischer, aber bis zuletzt blieb Johnny Griffin ein Altmeister, der im »Tenor-Battle« seine jüngeren Herausforderer locker in die Schranken zu weisen wusste.



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Von Johnny Griffin gibt es zu unserem Glück ein reichhaltiges CD-Angebot als Downloads und im Fachhandel.
Und eine vollständiges Verzeichnis seiner gesamten Aufnahmen findet sich beim Jazz Discography Project.



»Nessun dorma« di Paul Potts. Una tragedia perfido


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Auch am heutigen Tag führt die CD »Paul Potts: One Chance« (Sony/BMG) gleichzeitig die deutsche Liste der sogen. Top-Alben in der Kategorie Klassik bei iTunes und Amazon.de an. Erschienen ist diese Produkt am 13. Juli 2007 – also vor über einem Jahr …

Es stellen sich somit zumindest vier Fragen: Wer ist Paul Potts? – Was ist »One Chance« für eine CD? – Gehört diese CD zurecht in die Kategorie Klassik? – Was sind die möglichen Gründe für einen solchen kommerziellen Erfolg?

Google gibt bei der Suche nach Paul Potts schlappe 4.140.000 Ergebnisse an. Nehmen wir direkt den an erster Stelle stehenden Beitrag von Wikipedia.de:

Paul Potts (*13. Oktober 1970 in Bristol) aus Port Talbot in South Wales ist ein britischer Tenor. Er wurde international bekannt durch seine Auftritte in der englischen Castingshow »Britain’s Got Talent« im Jahre 2007.
Paul Potts stammt aus einem einfachen Elternhaus. Seine Mutter war Kassiererin und der Vater Busfahrer. Seine Eltern gehörten zu der bildungsfernen Schicht und hatten kein Interesse für klassi[s]che Musik. Inspiriert wurde die Leidenschaft von Paul Potts für die Oper durch eine ältere Aufnahme von Carreras. »Ich kaufte eine billige Carreras-Aufnahme«, erinnert er sich. »Ich hörte zum ersten Mal ›Che Gelida Manina‹[sic!] und es bewegte mich. Bis heute ist ›La Boheme‹[sic!] meine Lieblingsoper.« Er bildete seine Gesangstimme durch privat finanzierten Unterricht. Im Jahre 1999 nahm er an der britischen Talentshow »My kind of Music« teil und gewann 8.000 £.
Mit Hilfe dieses Gewinns nahm er in Nord-Italien Unterricht an Opernschulen unter Vilma Vernocchi und Katia Ricciarelli und wurde in die Meisterklasse aufgenommen. Für seine Ausbildung bezahlte er rund 12.000 £  (ca. 18.000 €).
Zwischen den Jahren 1999 und 2003 trat er auf verschiedenen Bühnen als Tenor ohne Gage auf. Herauszuheben sind seine Auftritte an der Amateuroper »Bath Opera« im Jahre 2001 als Don Carlos in der Oper »Don Carlos« und als Radames in der Oper »Aida«, beide von Giuseppe Verdi. Seine Auftritte wurden zwar im Fernsehen und Radio veröffentlicht, führten jedoch nicht zu seinem Durchbruch.
Durch schwere Schicksalsschläge und finanzielle Probleme wurde es für ihn im Jahre 2003 unmöglich, seine Karriere als Sänger weiterzuführen. Bis zu seinen berühmten Auftritten im Jahr 2007 arbeitete Potts seit 2003 zunächst zwei Jahre in der Supermarktkette »Tesco« und danach als Verkäufer von Mobiltelefonen in der Einzelhandelskette »The Carphone Warehouse«, bei der Potts im Jahr 2006 zum leitenden Angestellten aufstieg.
Am 8. Juni 2007 trat Paul Potts nach drei Jahren Pause in der britischen Castingshow »Britain’s Got Talent« von Simon Cowell des Senders ITV in Cardiff auf. Er präsentierte eine gekürzte Version der Arie »Nessun dorma« von Giacomo Puccini. Bei seinem Auftritt wurde Potts zunächst vom Publikum und den Juroren (Simon Cowell, Piers Morgan und Amanda Holden) skeptisch betrachtet. Nach wenigen Takten verblüffte und begeisterte Potts jedoch mit seinem tief emotionalen Gesang die anwesenden Zuschauer, die dem Kandidaten daraufhin spontan applaudierten.
Bei seinen weiteren Auftritten am 14. Juni 2007 und 17. Juni 2007 setzte sich sein Erfolg mit dem Hauptteil des Stückes »Con te partirò« (Time to Say Goodbye) von Francesco Sartori und der ungekürzten Version von »Nessun Dorma«[sic!] fort. Potts ging aus dem Wettbewerb als Gewinner hervor und durfte zur Belohnung am 3. Dezember 2007 in der »Royal Variety Performance 2007« vor der britischen Königin Elisabeth II. auftreten.
Neben seiner spontanen Berühmtheit erhielt Potts einen Gewinn von 100.000 £  (rund 125.000 €) sowie einen Vertrag in Höhe von 1.000.000 £  (rund 1.250.000 €). Den Vertrag erhielt er von Simon Cowell als Produzent des Plattenlabels Sony BMG. Paul Potts erstes Album mit dem Namen »One Chance« erschien im Jahr 2007.
Paul Potts ist seit dem Jahr 2003 mit seiner Frau Julie-Ann verheiratet, die er über das Internet kennenlernte.
Ausschnitte der Sendung »Britain's Got Talent« auf Videoportalen wie »YouTube« machten Potts weltweit bekannt. In zahlreichen Ländern konnte sich sein Album »One Chance« in den Charts platzieren, in vielen erreichte es sogar Platz 1. Im Juli 2008 wurde sein Auftritt aus »Britain’s Got Talent« in einem Werbespot des Unternehmens »Deutsche Telekom« verwendet. Dies führte dazu, dass seine Aufnahme von »Nessun dorma« so stark nachgefragt wurde, dass sie es alleine durch Downloadverkäufe auf Platz 12 der Charts in Deutschland schaffte. Auch sein Album, das 2007 nur Platz 31 erreicht hatte, kehrte auf Platz 16 in die Charts zurück. Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Paul_Potts


Paul Potts war also Teilnehmer=Opfer einer walisisch=britischen Variante der global-medialen Castingseuche. Und wie sich hier sehr schön zeigt, schreiben offenkundig bei Wikipedia die Marketing-Abteilungen von Medienunternehmen in der Tradition von Hedwig Courths-Mahler die Beiträge …

Aber welche Ausbildung hat er in den »Opernschulen« von Vilma Vernocchi, Katia Ricciarelli und – wie man inzwischen längst herausgefunden hat – Luciano Pavarotti erhalten?

Hören wir uns also »One Chance« an … … … Klassik? … … »Nessun dorma«?

Zunächst: »One Chance« hat mit Klassik soviel zu tun wie die Machwerke des niederländischen Fi(e)dlers André Rieu, dessen Walzer-Aufnahmen der legendäre Carlos Kleiber als »noch nicht mal Dreck« bezeichnete. Bei Potts gibt’s neben »Nessun dorma« nur Schlager, Pop & Musical. So etwas könnte man getrost als »Crossout« bezeichnen.

Und »Nessun dorma« ist ein einziges Jammertal. Wirft man einen Blick auf Puccinis Notationen, so stellt man fest, dass 80% der Arie vokaltechnisch einfach nicht stattfinden. Die restlichen 20% sind ein skurril-tragisches Missverständnis. Paul Potts singt eine »Fantasie über ›Nessun dorma‹ aus Puccini’s ›Turandot‹«. Eine exacte Analyse des Gesangs von Paul Pott verbittet sich von selbst, denn dem Mann wurde offensichtlich schon übel genug mitgespielt.

Der Erfolg dieser vokalen Katastrophe lässt sich – abgesehen von den perfiden Strategien skrupelloser Medienhändler – vermutlich nur mit zwei impliziten Aspekten begründen. Hier bedient man sich emotionaler & zunehmend ökonomischer Verelendung grosser Bevölkerungsschichten, die offenkundig nicht nur keine Ahnung von Operngesang (mehr) haben, sondern die virtuellen Inszenierungen längst als realistischen (=wahren) Bestandteil ihrer eigenen Erfahrungswelt verstehen. Sie sind objektiv nicht mehr selbständig in der Lage, den Unterschied zwischen Jussi Björling & Paul Potts zu erfassen. Ihre emotionale Bedingtheit verlangt geradezu nach egalitären Vernichtungen.

Der Erfolg von »One Chance« ist eine Erfolgsgeschichte aus andauernder Kriegszeit. Oder wie die lauschkundige Deutsche Telekom AG sagt: »Erleben, was verbindet.«.







Deutschsprachige Verlage


Die Verlagsliste mit Links zu 184 deutschsprachigen Verlagen wurde fertiggestellt.




›Dunkle Energie‹ nur noch für 3 Wochen


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Nur noch bis zum 27. Juli 2008 ist die große Einzelausstellung
Henning Brandis : „WO >>DUNKLE ENEGERIE<<“
in der Villa Oppenheim – Galerie für Gegenwartskunst geöffnet.





Henning Brandis – Kairós der ikonographischen Eruptionen


1968: Die intellektuelle Sohnesklage gegen die Väter – die Tochterklage wird nicht lange auf sich warten lassen, aber einen ganz anderen Ton anschlagen – eröffnet in ihrer historisch bedingten Penetranz auch der institutionellen Kunst die Möglichkeit, sich umfassend zu reformieren. Lehrkörper werden verdrängt von lehrenden Künstlern. Die Düsseldorfer Kunstakademie wird für einige wenige Jahre zum Zentrum dieser Entwicklung.

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Henning Brandis gelingt in dieser Zeit und an diesem Ort eine Erstarkung seiner habituellen Vernunft und die Grundlegung zu der MetaPhysik seiner Bildsprache. Das hier ausgestellte Partial seines weit- & weltläufigen Lebens=Werkes ist in der zeitgenössischen Kunst von singulärem Charakter. Singulär naturgemäß weder im Kontext zeitgeistiger Wertstellungspraxis noch als marketing file des Kunstmarktes. Singulär allein dadurch, dass Henning Brandis seine Arbeit stets als ganzheitliches Handeln im richtigen Moment (kairós) bloßer Einsicht und größter Gefahr versteht. So weisen sich die Zeichnungen, Objekte und Installationen gleichsam als Handlungszeugnisse ihrer selbst aus.

Der – auf den ersten oder gar noch zweiten Blick – enigmatische Werkcharakter gründet sich nicht im Vexierspiel von An- & Ablehnung intertraditioneller Kunstvorstellungen, sondern in deren wahrer Radikalisierung, getragen von antikem Stolz und befreiend im aufklärerischen Sinne. Das Rätsel ist und bleibt das Sichtbare, das sich im Moment der Entdeckung in zarte oder heftige, versunkene oder zirkulierende Materialien, archaische Rückformungen, Farben mit feinsten Glissandi, säkulare Tonsetzungen, verschlüsselte Codes und Zeichen aus fernsten Zeiten und in Zwischenräume voller Stille verwandelt. Uns Heutigen fällt es immer schwerer, Stille dieser Art überhaupt noch wahrnehmen zu können, geschweige die innere Kraft aufzubringen, ihr mehr als einen AugenBlick standzuhalten.

Verspüren wir nicht bereits beim bloßen Einblick in die bildhaften Erinnerungsverstrickungen dieser Werke schmerzhaft unser aller Verlust an Ich-Zeit? Ein Kompensieren in narzisstische Egonautik verweigert Henning Brandis sui generis. Statt Ausweichen in kunstmystische Gefilde oder der Schaffung illustrer Kunstplacebos, konfrontiert er auf hochmögende Weise den virulenten Verlust anthropologischer Geborgenheit mit (dem Theorem von) der absoluten Verborgenheit: der DUNKLEN ENERGIE. Die subversiven Talente seiner Kunstfähigkeit konstatieren eine Realität, in der kein Schnitt mehr die Zeit gliedert, kein Maß mehr existiert, um Symmetrie in den gleich=gültigen Ablauf zu bringen. Doch er bietet Kronos, dem ungehemmten Zeitfresser, auf seine friedliche, ja fast zärtliche Weise mit materieller Transparenz die Stirn. Und so strahlen inmitten ikonographischer Eruptionen, den widergängerischen Augenblicken der Gefahr, Momente erfüllten Gelassenseins auf, die uns zu beseelen und zu behorten vermögen.

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»Im Anfang war was? Es bewegten sich die Dinge sozusagen frei, weder in krummer noch in gerader Richtung. Sie sind urbeweglich zu denken, sie gehn wohin sie gehn, um zu gehn, ohne Ziel, ohne Willen, ohne Gehorsam, nur als Selbstverständlichkeit, sich zu bewegen, als urbeweglicher ›Zustand‹. Es ist zunächst nur ein Prinzip: Sich zu bewegen, also kein Bewegungsgesetz, kein besonderer Wille, nichts Spezielles, nichts Geordnetes.« (Paul Klee) Beobachtungen, die sich, wenn auch nicht expressis verbis, in den Werken des ZeichenSetzers Henning Brandis mühelos auffinden lassen. Auf das wesentliche Paradoxon seiner Kunstexistenz verweist der Ausstellungstitel hingegen selbst.

1998 begründete der theoretische Astrophysiker und Kosmologe Michael S. Turner die Theorie von der sich beschleunigenden Ausweitung des Universums erstmals durch die Existenz dessen, was er Dunkle Energie nannte. Fast dreiviertel der Gesamtenergie des Universum stelle sie dar. Nur das restliche Viertel bestehe aus dunkler und normaler Materie.

Dieser Dunklen Energie spürt Henning Brandis nach. Er, dem sowohl der kosmologische wie der ästhetische horror vacui stets fremd blieb, macht mit dezidierten Mitteln allgewärtig sichtbar, ob und wie sich Energie, Seele, Gefühl und Gedächtnis in der Kunst verorten lassen. Die bewusste Einbeziehung ostasiatischer Formfindungen ermöglichten diesem nomadisch Suchenden, der Leere (in Fläche und Raum) mit spielerischer Freude den ihr gebührenden Respekt zu erweisen.

So wird Henning Brandis auf seinen Expeditionen in den Alltag zum Entdecker aus der profanen Ordnung gefallener Erscheinungsformen, bei denen die Bezeichnung ›Objekte‹ zu kurz greifen würde. In ihrer jeweils wiedererlangten Autonomie sind sie Ausgangspunkte präziser Neuanordnungen, die sich auch disparate Darstellungsformen – mit nahezu kindlichem Vertrauen – zu eigen machen: tibetische Kosmogonie, japanisches Spätmittelalter, afrikanische Volkskulturen und die Ismen der westlichen Moderne.

Viele Arbeiten dieses Weltenfinders habe ich seit Jahren täglich vor Augen. Ob ich mit ihnen oder sie mit mir leben, lässt sich genauso wenig beantworten wie die Frage, warum sie sich so selbstverständlich meinem Blick darbieten, aber keine Auskunft geben, warum.

Und Beuys? Nach mitternächtlicher Vorbesichtigung überfiel ihn ein Heißhunger auf frische Blutwurst mit Zwiebeln und Röggelchen.

Axel Bäse


Veröffentlicht als Vorwort im Katalog zur Ausstellung Henning Brandis : „WO >>DUNKLE ENEGERIE<<“ in der Villa Oppenheim in Berlin, 01.06. – 27.07.2008

© 2008 Axel Bäse. Alle Rechte vorbehalten



Babylon. Mythos und Wahrheit – Ausstellung


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Eine Ausstellung der Staatlichen Museen zu Berlin, des Musée du Louvre und der Réunion des musées nationaux, Paris und des British Museum, London.

Babylon – Mythos und Wahrheit. Lebhafte Assoziationen, wie sie keine andere Stadt in unseren Köpfen hervorruft. Mit dieser großen Ausstellung im Pergamonmuseum zeigen die Staatlichen Museen zu Berlin den Mythos Babel und die Wahrheit um das antike Babylon. Zwei Welten, eine Ausstellung.

Das erste Kapitel der Ausstellung (= Wahrheit) legt die Wurzeln unserer abendländischen Kultur durch den Blick auf die archäologischen Relikte frei und zeigt, was hinter den Legenden steckt. Im Zentrum dieses Kapitels stehen das Ischtar-Tor und die Prozessionsstraße von Babylon. Über 800 Objekte, darunter Statuen, Reliefs, Weihgaben, Architekturteile und Schriftzeugnisse, werden gezeigt.

Das zweite Kapitel der Ausstellung (= Mythos) betrachtet Babylon als Metapher für die dunklen Seiten der Zivilisation - Unfreiheit und Unterdrückung, Terror und Gewalt, Hybris und Wahn. In der europäischen Kunst und Kultur ist der Mythos Babel verknüpft mit den Urängsten der Menschheit. Hier erleben die Besucher die mythische Geschichte vom Aufstieg und Fall Babylons als Stadt der Sünde und der Tyrannei, als Schauplatz der Sprachverwirrung und als Metropole der ewigen Apokalypse. Hier begeben sich die Besucher auf eine Expedition zu den geheimnisvollen Quellen dieser Vorstellungen, deren Entstehung und Tradierung über die Jahrhunderte bis heute. Erzählt wird nicht die historische Wahrheit über Babylon, sondern die Wahrheit über eine Zivilisation, die den Mythos Babel braucht, um sich selbst zu verstehen.

Mit dieser Ausstellung werden erstmals die babylonischen Schätze aus den Universalmuseen der Welt in einer Ausstellung gemeinsam präsentiert. So gelingt es, die dreitausendjährige Geschichte Babyloniens auf einzigartige und umfassende Weise zu veranschaulichen.



Mythos

Babylon dient seit Jahrtausenden als Metapher für die dunklen Seiten der Zivilisation. Unfreiheit und Unterdrückung, Terror und Gewalt, Hybris und Wahn – in der europäischen Kunst und Kultur ist der Mythos Babylon verknüpft mit den Urängsten der Menschheit.

In diesem Teil der Ausstellung erleben die Besucher die mythische Geschichte vom Aufstieg und Fall Babylons als Stadt der Sünde und der Tyrannei, als Schauplatz der Sprachverwirrung und als Metropole der ewigen Apokalypse. Sie werden auf eine Expedition geschickt zu den geheimnisvollen Quellen dieses Bildes, seiner Entstehung und Tradierung über die Jahrhunderte bis heute. Hier wird nicht die historische Wahrheit über Babylon erzählt, sondern die Wahrheit über eine Zivilisation, die den Mythos Babylon braucht, um sich selbst zu verstehen.

Wahrheit

Das Pergamonmuseum präsentiert sich völlig neu: Für die Dauer der Ausstellung wird es zum Babylon-Museum.

Das berühmte Ischtar-Tor und die Prozessionsstraße zu Babylon werden neu inszeniert. Über 800 Objekte, darunter Statuen, Reliefs, Weihgaben, Architekturteile und Schriftzeugnisse, werden ausgestellt. So können zum ersten Mal die babylonischen Schätze aus den Universalmuseen der Welt in einer Ausstellung bewundert werden. Es gilt, die dreitausendjährige Geschichte Babyloniens zu veranschaulichen. Das Wort »Babylon« steht metaphorisch für das Kulturerbe des orientalischen Altertums in Europa. Nicht allein die eine Stadt, sondern das Zweistromland als Fokus der Geschichte und als Wiege der Zivilisation steht im Mittelpunkt der Ausstellung. Archäologische Objekte, die zum Bestand der wichtigsten Museen in Europa und den USA gehören, verdeutlichen, anhand welcher Zeugnisse sich heute ein wissenschaftlich verbürgtes Bild vom babylonischen Altertum gewinnen lässt und welche Aussagen wir gesichert treffen können. Dabei entsteht eine faszinierende kulturgeschichtliche Rückschau bis in das 3. Jahrtausend v. Chr., eine Rückschau auf das Leben in einer Region, die für unsere eigene europäische Entwicklung von immenser Bedeutung war.


26. Juni – 05. Oktober 2008 / Pergamonmuseum
Homepage zur Ausstellung


Text- und Bildmaterial: Staatliche Museen zu Berlin



Klaus Michael Grüber gestorben


Klaus Michael Grüber gehörte zu den wenigen Regisseuren des deutschsprachigen Theaters, die auch international große Beachtung fanden. In der Nacht zum Montag starb er mit 67 Jahren in Frankreich.


© Ruth Walz
BERLIN/WIEN – Der Theaterregisseur Klaus Michael Grüber ist tot. Er starb in der Nacht zum Montag auf der bretonischen Insel Belle-Ile-en-Mer im Westen Frankreichs im Alter von 67 Jahren, teilte der Musikchef der Salzburger Festspiele, Markus Hinterhäuser, am Montag mit. Grüber gehörte zu den bedeutendsten Theater- und Opernregisseuren an europäischen Bühnen.

Grüber war einer der wenigen unter den deutsch-sprachigen Regisseuren der 70er und 80er Jahre, die auch internationale Beachtung fanden. Erst in der vergangenen Woche hatten die Salzburger Festspiele mitgeteilt, dass Grüber die Regiearbeit an
Salvatore Sciarrinos Oper »Luci Mie Traditrici« in der Salzburger Kollegienkirche ab-brechen musste.

Unvergessliche Inszenierungen

Sein Name ist untrennbar mit der Berliner Schaubühne und Peter Stein verbunden. Stein arbeitete eng mit Grüber zusammen und verehrte ihn sehr. Theatergeschichte haben Grübers unvergessliche Inszenierungen geschrieben: vor allem die »Bakchen« nach Euripides 1974 in der Schaubühne und die »Winterreise« nach Hölderlins »Hyperion« 1977 im Berliner Olympiastadion - sie erlangte in der Theaterwelt Kultstatus. Aufsehen erregte auch zu Goethes 150. Todestag am 22. März 1982 seine radikal gekürzte »Faust«-Inszenierung an der Freien Volksbühne von Kurt Hübner in Berlin mit Bernhard Minetti in der Titelrolle und Peter Fitz als Mephistopheles.

Der am 4. Juni 1941 im badischen Neckarelz geborene Grüber studierte an der Schauspielschule in Stuttgart und assistierte später mehrere Jahre bei Giorgio Strehler und Paolo Grassi in Mailand. 1969 holte ihn Kurt Hübner nach Bremen, wo Grüber schon in jungen Jahren unter anderem mit Shakespeares »Sturm« ein Stück Theatergeschichte mitschrieb.


Siehe auch die Artikel von Gerhard Stadelmaier @ FAZ NET | Peter Iden @ Frankfurter Rundschau | Klaus Dermutz @ süddeutsche.de | Peter Kümmel @ DIE ZEIT



Esbjörn Svensson tödlich verunglückt


Mit seinem Trio erspielte sich der schwedische Jazzpianist Esbjörn Svensson einen legendären Ruf. Nun starb der erst 44 Jahre alte Klaviervirtuose bei einem tragischen Tauchunfall.



svensson
Stockholm / Hamburg – Sein Name wurde in einem Atemzug mit Keith Jarrett, Brad Mehldau und Oscar Peterson genannt: Esbjörn Svensson, schwedischer Jazzpianist und Gründer des Esbjörn Svensson Trios (E.S.T.). Am Sonntag starb der Virtuose im Alter von 44 Jahren bei einem Tauchunfall in den Schärengärten nahe Stockholm.

Das bestätigte der Konzertveranstalter Karsten Jahnke am Sonntag dem »Hamburger Abendblatt«. Der Tod des 44-Jährigen sei ein herber Verlust, sagte Jahnke, der das nach Svensson benannte Jazztrio e.s.t. wiederholt zu Konzerten nach Hamburg geholt hatte, der Zeitung. Mit seinen Mitstreitern Dan Berglund und Magnus Öström habe Svensson eine Einheit gebildet, wie sie selten im Jazz vorkomme.

Mit seinen 13 Alben und seinem Crossover-Mix aus zeitgenössischem Jazz, Rock, Pop und elektronischer Musik erspielte sich Svensson eine legendären Ruf.

Sein Trio wurde vor zwei Jahren mit dem European Jazz Award und dem BBC Jazz Award ausgezeichnet.

E.S.T. war zudem die erste europäische Gruppe, die es auf das Cover des renommierten amerikanischen Jazzmagazins »Down Beat« schaffte. 1995 und 1996 wurde Svensson in seiner Heimat zum Jazzmusiker des Jahres ernannt.

Der Sohn einer klassischen Pianistin und eines jazzbegeisterten Vaters nahm erst mit 16 Jahren seine ersten Klavierstunden.

»Musikalisch war er das Licht der Welt, weil er die Grenzen verschoben hat«, sagte sein Manager Burkhard Hopper über Svensson, »seine Musik hat Menschen in allen Ecken der Welt inspiriert.« Der Klaviervirtuose hatte laut Hopper einen inneren Drang zur Musik: »Er hat immer von sich gesagt, dass er seiner inneren Musik folgen würde.«

Die Internet-Seite
allaboutjazz.com berichtet, dass sich Svensson bei seinem Tauchunfall in der Nähe eines Anlegestegs befand. Er war mit anderen Tauchern zusammen und wurde »schwer verletzt« auf dem Meeresboden gefunden. Er konnte an Land nicht reanimiert werden.

»Er war ein unheimlich netter, bescheidener, respektvoller Mensch, der mit dem Herzen immer der Musik gefolgt ist«, sagte sein Manager Burkhard Hoppe dem »Hamburger Abendblatt«.

Siehe auch die Artikel von
Maxi Sickert @ ZEIT online | Wolfgang Sandner @ FAZ NET | Alex Rühle @ süddeutsche.de




soja ugrjumowa


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G R U S S W O R T

menschengefüllter raum
alle stehen verteilt
in erwartung von etwas
das geschehen wird
bilden sie einen kreis
sie bemerken es nicht
aber sie müssen
so fing wohl alles an
von anfang an
seit jeher
der mensch wird zum menschen
durch den Kreis
dessen mitte war stätte
der götter und der toten
einst
die götter haben wir
verwiesen
doch die toten
schwinden nie
die stimme natalja’s
»recherche des langues de les mères«
in der mitte des kreises
jetzt soja
soja ugrjumowa
mit der tochterstimme
in der tochterstimme
statt götter kehren zurück
die engel
im nu
dem ewigen jetzt
achmatova bachmann brodsky
erheben ihren stimmen
und die mitte der stätte
gehört der toten und ihrem engel
wo tochter ist wird mutter sein
untrennbar, aber
eine hommage der befreiung
sie und sie
natalja soja
soja ugrjumowa


abel – 31.05.08